Bad Schwalbach, 18.08.2026
Raus aus der Parallelwelt
„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Das westafrikanische Sprichwort kann man problemlos auf die Erstkommunionvorbereitung in der Pfarrei Heilige Familie Untertaunus übertragen, denn hier begleitet die ganze Gemeinde die Kinder auf ihrem Weg zur Erstkommunion. Das Konzept nennt sich „Gemeinschaftsweg zur Erstkommunion“. Im Laufe der Vorbereitung werden Räume geschaffen, in denen die Kommunionkinder (Kokis) sich und ihre Familien als Teil einer Gemeinschaft erfahren und dabei das Gemeindeleben aktiv mitgestalten.
Dahinter stecken ein Perspektivwechsel und ein modernes Konzept: Es geht ums Erleben und nicht ums Lernen. Teilhabe statt Unterricht. Und es funktioniert – nicht nur für die Kinder, auch für die Familien. Nach der letzten Erstkommunion ist sogar ein Vater wieder in die Kirche eingetreten.
Das freut vor allem Kathrin Kaulich, die als Pastorale Mitarbeiterin das Erstkommunionkonzept für die Pfarrei entwickelt hat. Die Gemeinde besteht aus zehn Kirchorten und ihr gehören rund 10.000 Katholikinnen und Katholiken an.
Ihre Herausforderung bestand darin, die Identität der Kirchorte zu bewahren, aber gleichzeitig die Möglichkeiten der Großpfarrei zu nutzen. Kaulichs Ziel war es, keine Parallelwelten zu schaffen, sondern alle – Kokis, Familien, Ehrenamtliche und Gemeinde – zusammenzubringen.
Die ganze Familie wird eingebunden
In der Praxis sieht das so aus, dass sich die Kinder aktiv am Gemeindeleben beteiligen, etwa indem sie Gemeinschaftsgottesdienste mit vorbereiten – Fürbitten werden geschrieben, kreative Beiträge erarbeitet, die Lesung vorgetragen. Im Anschluss trifft sich die Gemeinde noch zum Beisammensein, für das Büfett steuern alle Familien etwas bei. Die Kokis laufen bei den Sternsingern mit und engagieren sich bei den Krippenspielen. Zudem gibt es Hilfsaktionen: Seniorinnen und Senioren wurden im Pflegeheim besucht, Spenden für die Tafel gesammelt und Bäume gepflanzt. Im nächsten Kurs sollen fürs Hospiz Plätzchen gebacken und verkauft werden.
Das alles funktioniere nur, indem man die ganze Familie der Kokis einbinde, ist sich Kaulich sicher. „Willst du den Kindern etwas Gutes tun, fang bei den Eltern an“, ist ihre Devise. Aus diesem Grund bietet sie Glaubensabende für Eltern an. Erst werde gemeinsam gekocht und gegessen, danach komme man schnell über den Glauben ins Gespräch. Die stärkere Einbindung der Familien werde von diesen als Bereicherung empfunden, so Kaulich.
Ausflüge und Auszeiten
Dass Gemeinschaft guttut, erfahren die Kokis bei gemeinsamen Ausflügen – etwa ins Kino nach Bad Schwalbach oder ins Bibelmuseum nach Frankfurt. Bei den Auszeiten, das sind besondere Andachten, erleben die Kinder mit ihren Familien zudem, dass Glaube unterschiedliche Wege gehen kann. Im November werde beispielsweise auf dem Friedhof der Verstorbenen gedacht. Es gab auch schon Andachten in der Fastenzeit und zum Friedenslicht. „Manche brauchen es stiller. Da kommen die Auszeiten gut an“, sagt die 43-Jährige.
Ein besonderes Highlight ist für Kaulich das „Fest der Versöhnung“, das sie als „riesiges Familienfest“ erlebt. Gefeiert wird es in Herz Mariae Wehen, dort sei genügend Platz für die rund 300 Leute. An verschiedenen Stationen geht es um die Themen Liebe, Freundschaft und Versöhnung. Fürbitten werden formuliert und anschließend mit Luftballons in den Himmel geschickt, Briefe gegen die Einsamkeit verfasst und Mosaike gestaltet. Auch das Sakrament der Versöhnung, die Beichte, gehört zu den Angeboten.
Der Gemeinschaftsweg endet in der Pfarrei Heilige Familie nicht mit der Erstkommunion. Zum Abschluss – bevor die nächste Erstkommunionvorbereitung beginnt – unternehmen alle Familien im September einen gemeinsamen Ausflug nach Limburg, Dombesichtigung und Picknick am Priesterseminar inklusive. „Was Menschen trägt, ist nicht in erster Linie das Gelernte, sondern das Erlebte. Glaube entsteht dort, wo er spürbar wird“, ist Kathrin Kaulich überzeugt.
Auf Umwegen zur Pastoral
Kathrin Kaulich ist gelernte Erzieherin, hat Erfahrungen in der Kita-Leitung gesammelt und in diesem Rahmen religionspädagogisch gearbeitet. 2019 wechselte sie als Pfarrsekretärin zur Pfarrei Heilige Familie Untertaunus. Im Zentralen Pfarrbüro arbeitete sie im „schlagenden Herz der Pfarrei“, wie sie es selbst beschreibt. Im Sekretariat war sie erste Anlaufstelle für die Anliegen der Gemeinde und ganz nah an der pastoralen Arbeit. Vieles habe sie an die jeweils Zuständigen weitergeleitet, doch schnell wurde Kaulich klar, dass sie „weiter involviert sein“ wollte.
Als vor zwei Jahren wegen der großen Vakanz im Pastoralteam die Erstkommunionvorbereitung auf der Kippe stand, sprang die zweifache Mutter ein und erarbeitete ein neues Konzept für die Pfarrei. Mit Unterstützung des Pastoralteams um Pfarrer Stefan Schneider und auch von Seiten des Bistums wurde der 43-Jährigen eine Mitarbeit im Pastoralteam ermöglicht, dort ist sie jetzt als Pastorale Mitarbeiterin tätig. Nach dem Motto „Wenn schon, dann richtig“ begann sie in St. Georgen den berufsbegleitenden Online-Studiengang „Kirchliche Praxis in säkularer Gesellschaft“. In zwei Jahren wird Kaulich ihr Bachelorstudium abschließen und anschließend im Bistum Limburg ihre Assistenzzeit absolvieren. Daran schließt sich ihre Tätigkeit als Gemeindereferentin an.
„Sie sind das Einhorn des Bistums“, kommentierte ein Elternteil aus der Erstkommunionvorbereitung ihren außergewöhnlichen Werdegang. Für Kaulich ist die Verbindung von Theorie und Praxis optimal. Sie könne in der Pfarrei gleich ausprobieren, was sie in St. Georgen lerne. Über das Studium erhalte sie viele Impulse und Ideen, die sie im Arbeitsalltag weiterbringen und anwenden könne. Genau diese enge Verbindung von Theorie und Praxis empfindet sie als wertvoll.